von Daniel Pfletscher - 22.09.2026
Vom 18. bis zum 20. September 2026 war die Mitgliederschaft der AMF nach Neustadt an der Orla eingeladen. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Arbeitskreises Saale-Orla fiel die Wahl des Austragungsortes auf die ostthüringische Kleinstadt, die auf eine durchaus bemerkenswerte Historie verweisen kann.
Ende des 13. Jahrhunderts erstmalig erwähnt war die Stadt von den Lobdeburg-Arnshaugkern angelegt worden, die ihren Sitz im nahegelegenen Arnshaugk hatten (heutiger Ortsteil). Ab 1660 war die Stadt an der Orla namensgebender Mittelpunkt des Neustädtischen Kreises, einem der sieben kursächsischen Kreise. Mit dem Bezug eines neu erbauten Schlosses auf ehemaligem Klostergelände war das Städtchen Anfang des 18. Jahrhunderts gar einige Jahre lang Residenzort des Sekundogeniturfürstentums Sachsen-Zeitz. Von dieser einstigen Bedeutung ist nach einigen Herrschaftswechseln und Verwaltungsreformen nicht mehr viel übrig geblieben und doch sind die historischen Wurzeln heute noch sicht- und spürbar, wie das Wochenende zeigen sollte.
Auch die Austragungslokalität der Tagung ließ Geschichte spüren. Ab 1865 wurden in Böttcher’s Hotel Gäste beherbergt, regelmäßige Veranstaltungsprogramme für die Bevölkerung und um die Jahrhundertwende kinematographische Vorführungen dargeboten. Zum Ende des 2. Weltkrieges war hier ein Quarantänelager für Flüchtlinge und Vertriebene eingerichtet und zu DDR-Zeiten produzierte in den Räumen gar der Volkseigene Betrieb Orla-Kleidung, ehe 1994 wieder ein Hotel eröffnet wurde. Eines der Nebengebäude war als Logenhaus der Freimaurerloge „Johannes im Orlagau“ errichtet und 1925 feierlich eröffnet worden, wovon heute noch ein Stuhl im Eingangsbereich des Hotels zeugt.
Am Freitag (18.9.) fanden sich fast 30 Mitglieder und Gäste des Vereins und des Arbeitskreises ein, um das Tagungswochenende bei gemütlichem Beisammensitzen und leckerem Essen einzuläuten. Für den Samstagvormittag hatte der Vereinsvorsitzende Markus Schröter ein Vortragsprogramm organisiert.
Dr. Jens Kunze referierte zur Familie von Brandenstein und der Burg Ranis. Andrei Zahn eröffnete mit seiner Vorstellung von Quellen im Landeskirchenarchiv Eisenach abseits der Kirchenbücher neue Forschungsansätze und Dr. Udo Hagner widmete sich in seinem Vortrag der Familie von Oberweimar, die Besitzungen im Forschungsgebiet des Arbeitskreises hatte.
Am Nachmittag folgte der elementarste Teil eines jeden Jahrestreffens: die Mitgliederversammlung. Über den Verlauf wird der Vorstand noch gesondert berichten. An dieser Stelle soll der Dank an den neugewählten Vorstand für seine Verantwortungsübernahme schon einmal ausgesprochen sein.
Nach der abendlichen Stärkung ging es mit Nachwächter Hans und seinem Gehilfen Harald auf historische Spurensuche durch die historische Altstadt, zu den Stellen der einstigen Stadttore, zu Klosterkirche (heute Veranstaltungshaus) und Schloss (als Schulgebäude genutzt), zum neugestalteten Marktplatz mit dem repräsentativen Rathaus und den umliegenden Bürgerhäusern. Auch die Stadtkirche mit einem Besuch der Chorkavate und die mittelalterlichen Fleischbänke, in die wir einen Blick werfen konnten, lagen auf unserem Weg. Der Nachwächter, erst kurzzeitig im Dienst, wusste mit seinem historischen Wissen und kunstvollem Gesang zu glänzen.
Der Sonntag stand im Zeichen des Arbeitskreis-Jubiläums. Karina Falk trug Erinnerungen an die Gründungszeit vor und gab einen Einblick in die Arbeit und die Projekte der Forschungsgruppe. Eine Fototafel bot einen anschaulichen Rückblick auf 10 Jahre Arbeitskreis-Aktivitäten.
Danach wurde das Museum für Stadtgeschichte mit aktuell zwei Sonderausstellungen zum Marktwesen besucht, von denen die Kabinettausstellung extra vorfristig und vor der offiziellen Eröffnung zur Besichtigung für uns fertiggestellt wurde. Der Museumsverantwortliche Christoph Müller führte in die Ausstellungsbereiche ein. Als besonders bemerkenswert erachteten Teilnehmende den Ausstellungsbereich zum Karussellbau (Neustadt gilt als Wiege der Karussellbaukunst mit bis zu 13 gleichzeitig tätigen Bestrieben) und die historische Schaudruckerei, die durch ein ehrenamtliches Team betreut wird und kleinere Aufträge wie Weihnachtskarten des Bürgermeisters herstellt. Aber auch die Kartensammlung, die Räume mit ausgestellter Malerei und das Cranachzimmer fanden Beachtung, ebenso die Sonderausstellungen mit großformatiger anschaulicher Ausgestaltung und akribisch ausgewerteten bisher nicht öffentlich gezeigten Dokumenten aus dem Stadtarchiv.
Ein besonderes Highlight war für einige Gäste der Besuch der Stadtkirche St. Johannis. Außerhalb kirchlicher Veranstaltungen abgeschlossen gewährten die Museumsmitarbeiter Einlass und gaben fachkundige Auskünfte, nicht zuletzt zu dem überregional bekannten Altar aus der Werkstatt Lucas Cranach d. Ä., aufgestellt 1513 und 500 Jahre später mit einer weithin beachteten wissenschaftlichen Tagung und einer aufwändig erarbeiteten Ausstellung gewürdigt.
Nach dem Mittagessen war Gelegenheit zum näheren Kennenlernen und zum Forschungsaustausch. Ein großes Thema war an diesem Nachmittag die DNA-Genealogie. Neue Publikationen wie der Dreibänder zu den Schäfern und Hirten des Weimarer Landes von Axel Marx und die zuletzt veröffentlichten Ortschroniken von Oberoppurg und Moßbach konnten angesehen und erworben werden. Am Rande geführte Gespräche über den Karneval in den Rheinmetropolen wurden am richtigen Ort geführt, zählt Neustadt an der Orla, in fünften Jahreszeit nur als Duhlendorf bekannt, doch zu den Thüringer Karnevalshochburgen.
Ein gelungenes Wochenende nahm sein Ende und vermittelte ein Gefühl von Aufbruchstimmung in weiterhin spannende gemeinsame Forschungsjahre.
Das Team des Hotels, in dem fast alle Übernachtungsgäste untergekommen waren, wusste mit der Ausgestaltung der Räume und einem Speisenangebot zwischen traditioneller Thüringer Küche und modernen Essensarrangements zu überzeugen. In einem Landstrich, dem in der Regel weniger Beachtung geschenkt wird als den Thüringer Touristenmagneten Erfurt, Weimar oder Jena, sind Tagungen dieser Art eher die Ausnahme. Es ist daher nicht selbstverständlich, mit dem Hotel Stadt Neustadt und der Touristinformation gute Partner für ein solches „Gesamtpaket“ gefunden zu haben.
AK Saale-Orla, IT-Team
Mitgliedschaften: AMF 2529, GFF 2698
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