Vom Zufallsfund zur Korrektur des Thüringer Pfarrerbuchs: Die Geschwisterfolge Köhler

Ulrich Michael Wieber - 23.08.2026

Alte historische Dokumente sind in einem professionellen Archiv besser aufgehoben als in einer privaten Schreibtisch-Schublade. Aus diesem Grund übergab ich am 26. September 2024 drei über Generationen im Familienbesitz bewahrte Originaldokumente als Schenkung an das Stadtarchiv Apolda. Was als schlichte Sicherung des privaten Nachlasses geplant war, entwickelte sich durch anschließende, mühsame Detektivarbeit zu einer handfesten genealogischen Neuentdeckung, die den aktuellen wissenschaftlichen Stand der Thüringer Kirchengeschichtsforschung korrigiert.

 

Die mühsame Suche nach dem „Roten Faden"

Vom Stadtarchiv Apolda erhielt ich zwar digitale Kopien der Dokumente, die eigentliche Entzifferung und Transkription musste ich jedoch in Eigenregie durchführen. Mithilfe digitaler Werkzeuge und intensiver eigener Lesearbeit gelang es mir, Fehlinterpretationen alter Namen Stück für Stück zu korrigieren und die drei Dokumente in einen logischen, zeitlichen Zusammenhang zu bringen:

  1. Der Kaufbrief vom 12. Mai 1847: Ausgestellt vom Großherzoglich Sächsischen Justizamt Roßla. Hierin erwarb der Gastwirt Christian Gottlieb Machts zusätzliches Land in Wickerstedt für das traditionsreiche Ökonomiegut und die Schankwirtschaft an der „Neu-Poche" (auch „Neues-Werk" genannt) bei Mattstedt.
  2. Der Patenbrief vom 24. April 1879: Eine Einladung an eine Auguste Machts aus Mattstedt, eine Taufpatenschaft zu übernehmen. Dies dokumentiert die Phase des Generationswechsels auf dem Gut.
  3. Das Bittgesuch von 1894: Eine im Familienkreis verbliebenes Konzept oder eine Reinschrift eines nie abgesandten Gesuchs des hochverschuldeten Landwirts August Machts (* 10.12.1842) an die Landesfürstin, Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Die Entdeckung des theologischen Rätsels durch Original-Zitate

Beim Entziffern des unvollendeten Bittbriefs von 1894 stieß ich auf die entscheidenden Passagen. Um seine gesellschaftliche Würdigkeit und Herkunft zu untermauern, rekurrierte August Machts direkt auf seine prominenten geistlichen Ahnen.

Zur Feststellung seiner mütterlichen Linie zitiert der Verfasser folgendes:

„Herr Adjunctus Köhler in Mattstedt, welcher im Jahre 1826 sein 50jähriges Amtsjubiläum feierte, und dessen Bildniß noch heute im dortigen Kirchenschiff prangt, war mein Großvater."

In direktem, logischem Zusammenhang dazu benennt er im selben Schreiben die familiäre Verbindung zur Residenzstadt Weimar:

„Der verstorbene Oberconsistorialrath Köhler in Weimar war der leibliche Bruder meines Großvaters, folglich mein Großoheim."

Damit war die biologische Brücke zur Familie Machts bewiesen: Wenn Pfarrer Köhler der Großvater des ältesten Machts-Sohnes war, muss dessen Mutter eine geborene Köhler und mit dem Poche-Gastwirt Christian Gottlieb Machts verheiratet gewesen sein.

Gleichzeitig liefert dieses Dokument den zeitgenössischen, schriftlichen Gegenbeweis für eine bisherige Fehlannahme der Wissenschaft: Während der aktuelle Stand der Literatur (darunter das Thüringer Pfarrerbuch, Band 3) die beiden hochrangigen Geistlichen bisher als völlig unverbundene Einzellinien ohne verwandtschaftlichen Bezug führte, belegt der Brief zweifelsfrei, dass die beiden sachsen-weimarischen Theologen Köhler leibliche Brüder waren.

Offene Fragen an die Forschung

Während der weitere Weg meiner Familie nach der Zwangsversteigerung der Poche im Jahr 1891 gut dokumentiert ist – er führt über meine Urgroßmutter Eugenie Auguste Machts (später verheiratete Müller) nach Apolda, zu der im schlesischen Görlitz unehelich geborenen Großmutter Maria Auguste Machts (später verheiratete Wieber) und schließlich durch mich ununterbrochen im Familienbesitz bis nach Schleswig-Holstein –, wirft die Köhler-Linie noch Fragen auf.

Bisher konnten der genaue Vorname der Pfarrers-Tochter sowie die exakten Lebensdaten der beiden Machts-Geschwister, die beim Generationswechsel ausgezahlt werden mussten und so den Ruin der Poche einleiteten, noch nicht ermittelt werden. Es wäre zu wünschen, dass dieser durch einen Zufallsfund ans Licht gebrachte Sachverhalt der mitteldeutschen Familienforschung neue Impulse liefert, um diese regional- und kirchengeschichtliche Lücke im Stoye-Band 35 final zu schließen.